© Thomas Hadiner @edelweiss.on.the.road

Die Welt der Edelbrände

Fritz Zehentmayr steht in der gemütlichen Stube seines Hofs und hält ein Gläschen bernsteinfarbene Flüssigkeit gegen das Licht: „Seht ihr die Schlieren am Glas? So erkennt ihr ihn!“ Wir schwenken ebenfalls unsere Gläser, der ölige Film ist deutlich zu sehen. Seit kurzem wissen wir: Es handelt sich um ätherische Öle, ein Qualitätsmerkmal. “Anhand dieser Schlieren könnt ihr Edelbrand von einfachem Schnaps unterscheiden!”

Schnaps, das ist oft die erste Assoziation, wenn man an Hochprozentiges aus Birnen, Äpfeln, oder Vogelbeeren denkt. Fritz hört das Wort nicht so gerne. Denn er destilliert auf seinem Hof ausschließlich Edelbrände – und zwar feinste Tropfen. Davon können wir uns in den kommenden Stunden selbst überzeugen.

Wir – das ist ein bunter Haufen an Leuten, der sich in der Stube auf Gut Hinterlehen in Saalfelden im südlichen Salzburg eingefunden hat: Eine vierköpfige Familie mit rotem Camper, zwei Pärchen mit PKW und Dachzelt, ein weiteres mit klassischem Zelt – und natürlich Regina und ich mit unserem blauen Bulli Edelweiss. Wir alle haben über Schau aufs Land heute einen kostenlosen Stellplatz auf dem Hof gefunden, in herrlicher Lage zwischen Waldrand und Pferdekoppel.

Ein weiteres Extra ist die Edelbrandverkostung. Obwohl Fritz auch das nicht so gerne hört, er nennt es lieber Edelbrandseminar. Und diese Bezeichnung trifft es auch besser, denn man lernt eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass Fritz den Hof gemeinsam mit seiner Schwester bereits in der 5. Generation betreibt, um hier das uralte, vererbte große “Maria-Theresien-Brennrecht” auszuüben. Dass die Art seines Brennverfahrens noch aus dem Mittelalter stammt und aus – statt wie üblich nur einem – zwei Brennvorgängen besteht. Dass guter Edelbrand mindestens drei Jahre lang reifen muss und manche Sorten ihr spezielles Aroma Eichenfässern verdanken. Und dass der Alkohol bei Edelbrand zu 100 % aus den gemaischten Früchten entsteht, ihm also nichts beigesetzt wird. Auch das ist ein wesentlicher Unterschied zu Schnaps, wie wir von Fritz lernen.

Bei einem Hofrundgang wenige Stunden zuvor durften wir Brennkammer und Obstgarten besichtigen. Das Obst für insgesamt 23 Sorten Edelbrände auf Gut Hinterlehen stammt nämlich ausschließlich aus eigenem Anbau – und wird jedes Jahr händisch geerntet und verlesen. Denn nur gute und reife Früchte sorgen später dafür, dass die Spirituose ihren vollen Geschmack entfalten kann. Und auch später in der Brennerei ist ein großes Maß an Fingerspitzengefühl notwendig. “Kein Brennvorgang ist wie der andere, ich lerne immer noch jedes Jahr etwas dazu”, betont Fritz.

Mit der Kunst des Destillierens beschäftigt sich der gelernte Marktwirt und Forstmeister schon seit seiner Jugend. Seinen ersten eigenen Jahrgang hat er im Alter von 20 Jahren hergestellt: Ein Vogelbeerbrand. Noch heute bewahrt er davon ein paar Flaschen in seinem Keller auf. “Für einen ganz besonderen Anlass.”

Dass auf dem Gelände des Brennmeisters neben Obstbäumen seit kurzem auch Vans und Zelte stehen, ist reiner Zufall. “Meine Frau Evelyn ist im Internet auf Schau aufs Land aufmerksam geworden. Das war das Beste, was uns passieren konnte.” Als Direktvermarkter ist Fritz auf Laufkundschaft angewiesen. Und Camper seien zudem auch meist interessante Leute, mit vielen seiner Gäste habe er nach wie vor Kontakt. “Wir haben bis jetzt nur positive Erfahrungen gemacht.”

Nach einigen Verkostungen haben wir schließlich unseren Lieblingsbrand ausgemacht (Zwetschke, 43 %, drei Jahre im Eichenfass gereift) und es wird Zeit, zum Bulli zurückzukehren. Draußen ist es bereits dunkel und auch die Edelbrände spüren wir schon ein wenig. Auf der Türschwelle drückt uns Fritz noch schmunzelnd eine Schachtel frisch gelegter Eier in die Hand. “Morgen freut ihr euch auf ein herzhaftes Frühstück.”

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